Nachtschicht

Eine Reise durch die Stadt

„NACHTSCHICHT – eine Reise durch die Stadt“ lädt ein zu einer besonderen Fahrt in einem Linienbus durch die Nacht. Wir begeben uns gemeinsam auf die Suche nach Menschen, deren Wirken oft im Verborgenen bleibt, aber unser aller Leben trägt. Wir kennen sie aus Erzählungen, Comics und Filmen: Figuren mit Superkräften, die die Welt retten und das Böse besiegen. Doch wer sind die Held*innen unserer Gegenwart?

„NACHTSCHICHT“ richtet den Blick auf die unsichtbaren Kräfte des Alltags. Pflegekräfte, Kassierer*innen, Eltern, Ehrenamtliche – Menschen, die selten im Rampenlicht stehen, deren Arbeit aber unsere Städte am Leben hält. Ihre Geschichten stehen im Zentrum dieser nächtlichen Reise. Der Linienbus wird zum Resonanzraum für Stimmen, Klänge und Poesie. Auf der Fahrt durch die Stadt, vorbei an Orten des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Fürsorge, finden Begegnungen mit Geschichten, Perspektiven und Erfahrungen statt, die den Blick auf unsere Gesellschaft herausfordern und verändern. Das Publikum erlebt eine urbane Collage – fragmentarisch, lebendig, überraschend wie die Stadt selbst.

Immer wieder steigen Held*innen dieser Stadt zu – als Gäste, als Erzähler*innen, als Expert*innen des Alltags und immer wieder trifft man auf der Reise auf zwei gealterte Superheldenfiguren, Batman und Herakles, die auf der nächtlichen Reise anecken und herausgefordert werden. Mit Ironie und Nachdenklichkeit brechen sie vertraute Bilder auf und stellen Fragen: Was bedeutet es heute, mutig zu sein? Wer verdient Anerkennung? Haben wir noch einen Platz in dieser Welt? Können wir damit umgehen, nicht mehr unantastbar zu sein? Brauchen wir überhaupt noch Held*innen – oder ganz andere Narrative?

In einer Zeit der Krisen lädt „NACHTSCHICHT – eine Reise durch die Stadt“ dazu ein, die leisen Kräfte zu sehen, die uns tragen – um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.

Presse | Rezension | Kritik

Superkräfte ohne Schutzschild

Von Verena Großkreutz

Batman und Herkules auf Stimmenfang: Wer hat etwas zu sagen zum Thema Held:in des Alltags? Fotos: Zoia Domaskina

Das Stuttgarter Theaterkollektiv „Lokstoff!“ macht seit 22 Jahren erfolgreich Theater im öffentlichen Raum. In seinem aktuellen Projekt „Nachtschicht. Eine Reise durch die Stadt“ geht es vor allem um Heldinnen des Alltags – im Bus und durch Stuttgart.

Mit dem Bus gemütlich durch die Nacht zu fahren, öffnet die Augen. Zumindest, wenn man mit Lokstoff! unterwegs ist. Die Stadt wird zur Bühne, die stillen Passagier:innen zu Voyeur:innen. Plötzlich sieht man in erleuchteten Fenstern die Menschen dahinter. Ob Gruppen von Jugendlichen, ob bunt blinkender Wasen, ob menschenleere Orte: Es liegt über allem Leuchten auch ein bisschen Melancholie. So offenbart sich halt die Seele einer Großstadt des Nachts: immer auch ein bisschen wehmütig.

Das Stuttgarter Theaterkollektiv, gegründet und geleitet von den beiden Schauspieler:innen Kathrin Hildebrand und Wilhelm Schneck, macht seit 2003 erfolgreich Theater. Es braucht kein festes Haus für seine gesellschaftskritischen, oft auch politischen Projekte. Seine Bühne ist der öffentliche Raum: ob U-Bahnhöfe, Schwimmbäder, Möbelhausfenster, Container, Eingangshallen, Parkhäuser – oder eben auch öffentliche Verkehrsmittel. Wie in der neuesten Lokstoff!-Produktion „Nachtschicht“, die jetzt in der Regie von Bianca Künzel Premiere hatte. Darin geht es nicht um Besuche von Betrieben, in denen nachts noch gearbeitet wird, wie man vielleicht erwarten würde. Sondern während der „Reise durch die Stadt“ steigen Menschen zu, die über ihr Leben und ihre Arbeit berichten. Es geht um „Held:innen“ des Alltags, genauer: um jene, die nie im Rampenlicht stehen, deren Arbeit aber unsere Stadt am Leben hält, sie antreibt und bewegt. Es geht aber auch um Klischee-Helden: um Batman und Herkules, also um die schlaue, technisch versierte, gut trainierte Comicfigur und den Muskelmann-Zeussohn mit den Superkräften.

Batman und Herkules quatschen Vorbeilaufende an

Am Beginn der zweistündigen Fahrt, als der Bus noch an der Haltestelle Schlossplatz steht, schauen die Passagier:innen Batman und Herkules zu, wie sie draußen für Aufmerksamkeit sorgen – verhaltensoriginell und in hippen Kostümen (von Maria Martínez Peña). Batman (Sebastian Schäfer), mit Fledermausmaske und -Cape, haut in die Tasten seines Keyboards, und Herkules (Wilhelm Schneck), in Brustpanzeroutfit, quatscht Vorbeilaufende an. Opfer sind schnell gefunden: ein Pärchen, das ein Wer-ist-was-Helden-Quiz mitmachen muss. Über Kopfhörer alles mitverfolgend, starren 60 Augenpaare auf die beiden, die nicht wissen, was hinter ihnen vorgeht. Der Bus ist verdunkelt. Dass da 120 blaue Kopfhörerlichter spooky leuchten, merken sie erst, als sie das Quiz beendet haben und fragen, was das eigentlich alles soll. Gleich danach tanzt ein junger Mann heran, fragt die beiden Kostümierten: „Hey Digga, kann ich Foto machen?“, quetscht sich zwischen beide, macht Selfies, und hüpft freudig erregt von dannen, das Handy wie eine Trophäe zeigend.

Die 60 Augenpaare, die ihm folgen, bemerkt er gar nicht. Das ist immer das Überraschende in Lokstoff!-Produktionen, die Vermischung von Realität und Theater. Verdutzte Menschen stolpern, huschen, humpeln durchs Inszenierte. Nur einzelne bleiben stehen. Die meisten gehen weiter, schauen sich irritiert um oder tun so, als sei hier alles völlig normal. Bloß schnell raus aus dieser befremdlichen Situation, in die man unfreiwillig gerät. Zur Schadenfreude der Zuschauenden.

So zuckelt der Bus durch Stuttgart und Umgebung, von Ampel zu Ampel, und ein bisschen schneller die B10 entlang. Wenn er hält, sind die zwei Superhelden schon da: Etwa an der grauen Schwelle eines Hochhauses, von dem sich der Original-Batman ja gerne mal hinunterstürzt, machen sie gymnastische Übungen, parlieren in Comicsprech („Seufz, ächz, stöhn“) und über ihre Zipperlein – Herkules hat Rücken, Batman Panikattacken und eine Menge „Phantomschmerzen“. Sie gehen halt aufs Rentenalter zu. Am düsteren, menschenleeren Neckarhafen, wo die Arbeiter:innen längst Feierabend haben, übt Herkules Golfen und duettiert mit Batman: „Jede Zeit hat ihre Helden, jeder Held hat seine Zeit, um mit der Zeit zu gehen.“ Oder: „Wir waren die Guten, zumindest gegen die Bösen.“ Die beiden sind müde. Heute würde er was anderes machen, sagt Herkules, Künstler werden, Bob Dylan oder Tom Waits oder so. An einer Tanke beenden sie ihr Heldentum. „Wir gehören uns nicht.“ Ohne Kostüm seien sie nackt. „Sei du selbst.“ Batman bricht den Start zum Abflug ab, beide entledigen sich ihrer Kostüme und verziehen sich in Richtung Kentucky Fried Chicken.

Der LKW-Fahrer hat für Helden keine Zeit

Die „Reiseleiterin“ spielt Kathrin Hildebrand, sie läuft während der Fahrt den Mittelgang hin und her. Conférencière, Moderatorin, Sängerin, Darstellerin zugleich, ist sie für den poetischen Teil des Abends zuständig, rezitiert schöne Verse als Hommage an die Großstadt (Texte: Alexander Steindorf), erzählt von den „Räumen dazwischen“, in die man hineinhören solle, die Platz böten für neue Geschichten. Die Stadt sei ein „Buch“, ein „funkelndes Wimmelbild“. Und sie befragt Zuschauer:innen nach ihren Held:innen der Kindheit: Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, Pumuckl, Alfred E. Neumann, Jim Knopf. Hmmmmh.

Kathrin Hildebrand als Reiseleiterin.

Hildebrand klopft auf einem dunklen LKW-Parkplatz auch einen Fahrer aus dem Schlaf, der dort Pause macht: „Wo kommst du her?“ „Aus Basel.“ Wo musst du hin?“ „Nach Karlsruhe.“

„Wer sind deine Helden der Gegenwart?“ Für Helden habe er keine Zeit. Zuviel zu tun. Vielleicht die Menschen, die bei Unfällen auf der Autobahn zur Hilfe kommen, ergänzt er, ja, das seien Helden.

Yolanda steigt zu, 38, Barkeeperin, die in Kürze nach Italien auswandert, ins Haus ihrer gestorbenen Großmutter – ihrer persönlichen Heldin. Yolanda hat durch ihre Stammzellenspende einer Frau in Chile, ihrem genetischen Zwilling, das Leben gerettet. Welche Superkraft würde sie sich wünschen? „Fliegen!“

„So viel ist möglich, wenn wir uns bewegen“, singt Hildebrand. Der Bus hält am Klinikum Stuttgart. Kathi Wolf, 42, Gesundheits- und Krankenpflegerin, stellvertretende Leiterin der Intensivstation, getrennt erziehend, steigt zu. Überraschend: Nach dem Abi hat sie erst einmal eine Schauspielausbildung absolviert und danach Theatererfahrungen gesammelt. Sie erzählt vom stressigen Alltag im Krankenhaus, von den emotionalen Ausnahmesituationen, die sich auf einer Intensivstation abspielen, und die sie oft mit nach Hause nehme. Dort entspanne sie sich beim Stricken. Je nach Zustand des Gestrickten (oft „bockelhart“) wisse sie am nächsten Morgen, wie sehr sie ein Schicksal mitgenommen habe. Sie liebe ihre Arbeit, die so „interessant“ sei. „Ich darf jeden Tag lernen.“ Das Team sei toll, das Krankenhaus ein Gebilde wie ein „Ameisenstaat“, das nur funktioniere, weil so viele Menschen engagiert mitarbeiten – jeder als Rädchen im Getriebe. Die Reinigungskräfte etwa, die die Zimmer säubern, bevor neue Patient:innen aufgenommen werden können, oder die Materialbeschaffer:innen. Welche Superkraft würde Kathi gerne besitzen? „Geduld!“

Helden der Nachtschicht.

Die aus Afghanistan geflohene Zohra will Frauen stark machen

Und dann Zohra, 36, die mit 22 mit ihrer kleinen Schwester aus Afghanistan nach Deutschland geflohen ist. Als Zohra sieben Jahre alt war, wurde ihr der weitere Schulbesuch von den Taliban verboten. Ihr Vater (ihr „Held“) brachte ihr das Lesen und Schreiben bei sowie eine Nachbarin, die Lehrerin war und heimlich Mädchen unterrichtete, so wie Zohra ab zehn heimlich als Frisörin arbeitete – bis zu ihrer Flucht im Jahr 2013. Die erste Zeit in Deutschland sei sehr hart gewesen: Nicht mehr schulpflichtig, habe sie keinen Anspruch auf eine Schulausbildung gehabt. Sie schlug sich ohne Deutschkenntnisse mit Minijobs und Praktika durch. Dann die ersehnten Deutschkurse und nach ihrem B1-Zertifikat endlich die erträumte Ausbildung zur staatlich anerkannten Kosmetikerin. Heute hat Zohra in Stuttgart-Hedelfingen einen eigenen Kosmetiksalon. Sie wolle Frauen stark machen durch Schönheit, lacht sie. Dass ihre sechsjährige Tochter jetzt in Freiheit aufwachse und zur Schule gehen dürfe, mache sie unglaublich glücklich. Welche Superkraft besäße sie gerne? Die Fähigkeit, die Frauen in Afghanistan zu befreien.

Am Ende dieser urban-poetischen, inspirierenden Rundreise ist es vermutlich die Geschichte der willensstarken Zohra, die besonders in Erinnerung bleiben wird. Zohra, die ihren Traum von Freiheit gegen alle Widerstände verwirklicht hat, und die das Grundrecht auf Freiheit so hochhält und feiert. Etwas, das derzeit weltweit bedroht scheint. Die Frage nach etwaigen „Held:innen“ erübrigt sich. Sind diese nicht einfach Märchenfiguren? Es sind die Menschen, die Haltung zeigen und tätig werden, die unsere Gesellschaft voranbringen. Sie sind schlichtweg Vorbilder. So wie Zohra eben.

KONTEXT:
01.10.2025

Theater / Spielstätte

Theater Lokstoff

Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum

Sehr geehrte Damen und Herren,da wir nicht wissen, wie stark Sie von den Einschränkungen durch das Corona-Virus betroffen sind, haben wir uns ein Angebot für Sie ausgedacht.

Wir möchten Ihnen gerne Geschichten vorlesen. Am Telefon. So, dass Sie weiterhin in Sicherheit sind, aber trotzdem die Möglichkeit für eine kleine Abwechslung haben.

Wir sind SchauspielerInnenvon LOKSTOFF!, Stuttgarts Theater im öffentlichen Raum. Falls Sie Interesse an unserem Angebot haben, brauchen Sie sich nur bei uns zu melden. Dann können wir einen Termin mit Ihnen vereinbaren, wann Sie von uns angerufen werden möchten, damit wir am Telefon mit einer Geschichte zu Ihnen kommen können.

Sie erreichen uns telefonisch unter 0711 –88 89 99 22. Bitte hinterlassen Sie uns eineNachricht auf unserem Anrufbeantworter mit Ihrem Namen und Ihrer Telefonnummer, dann melden wir uns umgehend bei Ihnen. Gerne erreichen Sie uns auch per E-Mail unter lokstoff@lokstoff.com.
Vielen Dank!

Wir freuen uns auf Sie.

LOKSTOFF! Theater im öffentlichen Raum besteht seit 2003 als eingetragener gemeinnütziger Verein. Das Theater wurde von den Schauspielern Wilhelm Schneck und Kathrin Hildebrand gegründet, die bis heute gemeinsam mit Alexa Steinbrenner die künstlerische Leitung innehaben. Entsprechend den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Projekte wird das Team ergänzt durch Kolleginnen und Kollegen, Regisseure, bildende Künstler, Architekten, Grafiker und Kreative anderer Berufsgruppen.

Wir verstehen uns als offenes und engagiertes Kollektiv. Unsere Themen kreisen um die Probleme und Herausforderungen einer urbanen Gesellschaft, die der Gefahr ausgesetzt ist, dass sich die Menschen zunehmend voneinander, ihrer Arbeit und dem öffentlichen Raum entfremden.

LOKSTOFF! spielt nicht nur im und für, sondern auch über den öffentlichen Raum. Wir thematisieren den öffentlichen Raum in seiner politischen, kulturellen und urbanen Dimension, um den Zuschauer für unsere Fragestellung zu sensibilisieren und zum Nachdenken einzuladen. Das Spielen im öffentlichen Raum dramatisiert also nicht nur die Orte der Öffentlichkeit, sondern schärft das Bewusstsein über den Stellenwert und die Bedeutung von Öffentlichkeit und öffentlichem Raum für ein funktionierendes Gemeinwesen. Als solches betrachtet sich LOKSTOFF! als gesellschaftlich engagiertes Theater, das sich für die Bewahrung und die Stärkung des öffentlichen Raumes einsetzt.

Wir suchen konkrete Orte, die den zeitgenössischen urbanen Alltag spiegeln, wo Architektur und Infrastruktur das Leben bündeln und Menschen aufeinander treffen. Die Orte werden atmosphärisch durch die Aufführung verdichtet. Es ist der Ort mit seinen Menschen, welcher das Drehbuch jeder Aufführung mitschreibt und das Zugpferd des jeweiligen Abends bildet.

Durch die Proben und Vorstellungen im öffentlichen Raum werden auch Menschen auf uns aufmerksam, die selten oder noch nie im Theater waren, viele Passanten kommen als Zuschauer wieder. Insbesondere junge Menschen fühlen sich oft durch die ungewöhnlichen Orte und die direkte Aktion angesprochen.

Auszeichnungen

2017 Ausgezeichnet mit dem 1. Preis „Theaterprojekte mit Geflüchteten“ vom Bundesverband Theaterpädagogik.
2015 Ausgezeichnet als Integrationshelden in der bigFM Initiative für Integration
2015 Preisträger „6Tagefrei“ Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg
2014 Stuttgarter Bürgerpreis im Bereich Kultur
2004 Innovationspreis Forum Region Stuttgart

Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum
Stuttgart