Alte Sorten

Ein Theaterstück nach dem Bestseller-Roman von Ewald Arenz

»Ich verlange nichts von dir, nichts. Ich weiß wie das ist, wenn man … wenn sie immer etwas von einem wollen.« Liss

Die ziemlich zornige 17-jährige Sally ist aus einer Klinik für Essgestörte getürmt. Um nicht von der Polizei aufgegriffen und zu ihren Eltern gebracht zu werden, zieht sie ziellos durch Weinberge. Dort spricht sie eine Bäuerin an, deren Hänger eingeklemmt ist.

Aus dieser zufälligen Begegnung entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Frauen im Laufe der Zeit eine fragile Freundschaft. Zwei einsame Außenseiterinnen, die sich langsam aufeinander einlassen. Stück für Stück, als schäle er sorgfältig Obst, enthüllt der Autor Ewald Arenz die Lebensschicksale der beiden Protagonistinnen.

Bearbeitung: Edzard Schoppmann

Mit Juliane Braig, Britta Scheerer, Andreas Petri
Regie: Dieter Nelle
Ausstattung: Gesine Mahr

Presse | Rezension | Kritik

Traum statt Trauma

Von Martin Mezger

Traum statt Trauma

Ungleiches Paar: Britta Scheerer (links) als Bäuerin, Juliane Braig als Sally. Fotos: Sabine Haymann

Landlust und Auftaktspiel einer wunderbaren Frauenfreundschaft: In Dieter Nelles Inszenierung von „Alte Sorten“ nach dem Roman von Ewald Arenz finden im Stuttgarter Forum Theater zwei an den Rand gedrängte Außenseiterinnen gemeinsam ins Leben zurück.

Diese Geschichten! Immer diese Geschichten, die Menschen mit sich herumschleppen! Wie Blei lasten sie auf dem Leben. Undichte Erinnerungslager von Pein bis Peinlichkeit sind sie, wo unverdrängter Seelenunrat und traumatisches Gerümpel durch Ritzen lugen, durch Lücken poltern. Was geschehen ist, vergeht nimmermehr. Warum passiert nicht einfach nichts?

In „Alte Sorten“ nach dem Roman von Ewald Arenz passiert ziemlich lange nichts. Fast nichts. In der Bühnenbearbeitung von Edzard Schoppmann, von Dieter Nelle inszeniert im Stuttgarter Forum Theater, wird nachgerade ein dramaturgischer Kniff daraus, eine Art Landlust-Umkehrung von Becketts „Endspiel“: Auftaktspiel einer wunderbaren Frauenfreundschaft auf dem Lande, wo der Hahn kräht und die Kirchenglocke schlägt, die Tierwelt lebt und – nein, die Scheiße nicht am Absatz klebt, sondern an der Lippe. Verbal, versteht sich. Weil in einer Welt voller „Arschlöcher“ eben alles „scheißescheißescheiße“ ist. Womit der Kot-Code freilich jene Geschichten chiffriert, um die es erst einmal nicht geht. Auch wenn man erfährt, dass die 17-jährige Sally soeben aus einer psychiatrischen Klinik ausgebüxt ist. Auf dem Feldweg lernt die Trebegängerin aus der Großstadt die allein ackernde Bäuerin Liss kennen.

Und deshalb geht es jetzt um Elementares. Um frisches Obst mit Nüssen. Um die Frage, woran man erntereife Kartoffeln erkennt. Um alte Birnensorten, die titelgemäß eine Utopie symbolisieren: die Einheit von Natur- und Menschheitsgeschichte, deren Erinnerungsmarken („Andenken an den Kongress“) die alten Sorten im Namen tragen. Aber wer hat die Bäume so fürchterlich akkurat in den traumhaft verwilderten Garten gepflanzt?

Arenz‘ Roman reiht sich ein in eine Erzählung, die so alt ist wie die abendländische Literatur: die Erzählung vom gesunden, regenerierenden Landleben im Gegensatz zur krankmachenden Stadt. Doch ist der Autor redlich genug, die Risse im Idyll und die Illusionen in der Utopie nicht zu unterschlagen. Die Arbeit auf dem Hof ist anstrengend und oftmals öde bis zum Stumpfsinn. Oder bis zum Weglaufen, wie es Liss früher versucht hat, damals, unter der Fuchtel des autoritären Vaters: große Fluchten, die doch nur zum Ausgangspunkt zurückführten, zum Hof. Und ins Über-Ich der Tochter, wo der Vater nach wie vor residiert: „Denk‘ richtig, denk‘ gerade, denk‘ klar.“ So die strenge Maxime, die sich ihr in den Kopf geschraubt hat – Disziplinierung und Überlebensstrategie zugleich.

Der Vater also war’s, der die Bäume antreten ließ in Reih‘ und Glied, geradlinig wie Striemen auf dem Leib der Erde. Die Striemen auf dem Leib der Tochter stammen indes von seinem Nachfolger als Patriarch, Hofbesitzer und Tochterbeherrscher: von Liss‘ gewalttätigem Ex-Ehemann, der nur zur Initialzündung einer großen Leidenschaft seinem Namen alle Ehre machte. Sonny (ver-)führte Liss in den sonnigen Süden. Bis zur entscheidenden Rückkehr zu dem, worauf er wirklich scharf war: Haus und Grund.

Vielgestaltige Formwechsel

Aber das sind wieder diese Geschichten, die wie Gespenster durch die holde Ereignislosigkeit spuken. Dazu gehören auch: die Zeitung mit der Suchmeldung nach Sally, der auf dem Hof herumschnüffelnde Polizist, der alte Mann, der gegen Liss‘ rabiaten Widerstand eine Bücherkiste abtransportiert.

All diese gegenwärtigen oder erinnerten Eindringlinge bannt beispielhaft und sinnbildlich der „Zaubergarten“ (Sally) der alten Sorten. Mit der unkontrolliert ins Kraut schießenden Vegetation ist er eine Revanche für die Domestizierung von Natur und Mensch, für den „Versuch, Sachen, die wachsen, in eine Form zu pressen“, wie die kluge 17-Jährige sagt. Wenn die Freiheit die Spuren des Zwangs jovial überwuchert, wird daraus „der schönste Garten, den ich überhaupt jemals in meinem Leben gesehen habe“, jubelt Sally. „Jetzt gehört er Dir!“ Liss hat ihn sich zurückgeholt. In solcher Aneignung ohne Besitzanspruch öffnet sich ein Freiraum, wo etwas passieren könnte, was die „Geschichten“ nicht zulassen: Glück.

Diese Sphäre und Atmosphäre, in der immer ein Klang in flimmernder Luft zu vibrieren scheint, realisiert Nelles Inszenierung als Klanginstallation. Andreas Petri bringt Metallplatten in Schwingung, ist der verkörperte Soundtrack (und Schöpfer des Soundkonzepts), rasselt mitagierend über die Bühne und ist eigentlich der Moderator in diesem wundersamen Erzähltheater, das eine ganz eigene Epik jenseits von Märchenonkel und Dramatisierungs-Notlösung entwickelt. Der Moderator mischt sich ein, gibt den vielgestaltigen Komplizen der Außenwelt (etwa wenn Petri in die Rolle des Polizisten schlüpft), hockt nicht auf dem hohen Ross der Allwissenheit, sondern muss mit seinem Körper schon mal als Requisit herhalten, etwa als eingeklemmter Traktoranhänger. Petri spielt das alles mit Witz und Wandlungsfähigkeit, mit flirrenden, schwirrenden Klangkünsten ohne Kitsch und Klamauk.

Die Bühne von Ausstatterin Gesine Mahr definiert einen idealen Real- und Symbolort für wechselnde Schauplätze und bleibende Atmosphäre: eine Kistenwand, die auch mal für das stehen kann, was den Inhalt der Kisten produziert, nämlich den Birnbaum; ein karger Holztisch mit Stühlen; eine Projektionsfläche für die Ortsbezüge von Monokulturen – der schön wilde „Zaubergarten“ bleibt bilderlos – bis zum Karner, dem Totenschädel- und Knochen-Depot des Kirchhofs.

Traum statt Trauma

Sally ist 17, essgestört und ziemlich zornig.

Unbewältigtes kehrt zurück

Im ernsten Beinhaus war’s denn auch, wo Liss ihrer neuen Freundin die Bedeutungslosigkeit allen Seins verkündete und Sallys Widerspruch weckte: eine Schlüsselszene, ein Rollenwechsel. Die ewig unverstandene Jugendliche, interniert und therapiert wegen Magersucht, wird ihrerseits zur Therapeutin ihrer nihilistischen Retterin. Britta Scheerer gibt dieser Liss im arbeitsamen Overall die zunächst wortkarge Intensität einer herben Amazone an der Agrarfront. Sally imponiert das. Passgenau zeichnet Scheerer der Körpersprache ihrer Figur die Schmach der Verbitterung ein. Aber auch das Auftaupotenzial, die Wiederkehr verschütteter Emotionalität.

Schwerer tut sich Juliane Braig mit der naturgemäß klischeegefährdeten Rolle der Sally: magersüchtig, empfindlich, Rotzgöre – nicht einfach, den Fallen der Partie zu entgehen. Braig schafft es nicht immer. Im Schottenkaro-Röckchen über rissigen Leggins und mit Zöpfchenknöpfchen am Hinterkopf schwankt sie zwischen Pippi Punkstrumpf und Insta-Kopie, teils zu naiv, teils zu posenhaft aufgekratzt. Aber: Die Darstellung reift mit der Figur, im weiteren Verlauf erreicht Juliane Braig Momente von Scharfzeichnung und Intensität – und zwar immer dann, wenn Sally gegenüber Liss nicht mehr nur trotzigen, sondern vitalen Eigensinn zeigt.

Konfliktfrei fällt das Glück den beiden nicht in den Schoß. Sally, die eigentlich Sarah heißt, fühlt sich sexuell belästigt, als Liss sie in der Badewanne beobachtet. Ein Fehlalarm, trotzdem eine Art Triggerwarnung, denn Liss projiziert auf Sally zwar keine sexuelle Begierde, wohl aber das Bild ihrer eigenen Jugend – und die Korrektur eines gescheiterten Lebens, das dieser Jugend folgte. Könnte Wut auslösen bei Sally, wegen zwangsbeglückender Fremdbestimmung. Die kennt sie schon. Von zuhause.

Ganz am Ende und äußerst komprimiert bricht so die Dramatik der unbewältigten Geschichten ein. Nelles Regie baut, von wenigen Durchhängern abgesehen, konsequent die Spannung auf bis zum Showdown, wo sich Erzählung zu Aktion und Aktion zu Action beschleunigt. Darin eingebaut als Handlungsmotor: die Auflösung der Vorgeschichten. Liss war nach einem Mordversuch an ihrem schlagenden und zynischen Gatten acht Jahre in Haft, danach eine Ausgestoßene, die selbst im Lebensmittelladen nur wortlos bedient wird. Sally, scheinbar weniger spektakulär, stammt aus einer normal verkorksten Familie, wo der Vater meist auswärts übernachtet, die Tochter ihn fast nur an ihrem Geburtstag zu Gesicht bekommt und die Mutter an der Frustschraube dreht. Liss aber treibt der Druck der Vergangenheit jetzt, wo Sally von Polizei und Eltern abgeholt wurde, in den Suizidversuch.

Und wiederum im ernsten Beinhaus war’s, wo die eilends zurückgekehrte Freundin die Lebensmüde wortwörtlich ins Leben zurückringt: ein Bodenkampf um die Schusswaffe samt Sein oder Nicht-Sein. Die Schauspielerinnen drehen eindrucksvoll auf, eine hochdramatische Klimax. Und dann? Die Utopie. Aber eine pragmatische: erst Abi, dann Traumreise.

KONTEXT:
16.04.2026

Theater / Spielstätte

Forum Theater Stuttgart Eingang

Forum Theater

Das Forum Theater liegt im Zentrum von Stuttgart, mit bester Verkehrsanbindung. Es hat 120 Plätze. Rechtsträger war bis 2008 der Forum 3 e.V., seither ist das Forum Theater eine gGmbH und wird vom Kulturamt der Stadt Stuttgart sowie dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert.

Das Forum Theater verfügt über einen großen Stamm an freien, professionellen Schauspielern, Regisseuren und Kostüm- und Bühnenbildnern mit hohem künstlerischem Niveau. Pro Spielzeit kommen in der Regel drei bis vier Eigenproduktionen zur Premiere. Ergänzt wird der Spielplan durch Gastspiele.

Das Repertoire des Forum Theaters umfasst Klassiker und moderne Klassiker, Gegenwartsstücke und Romanadaptionen. Dabei liegt der Fokus vor allem auf einer intensiven Auseinandersetzung mit Stoffen, die ebenso aktuell wie vielschichtig sind. Wir nähern uns Themen, die uns unter den Nägeln brennen, wir machen Stücke, die wir wichtig finden – dabei machen wir keine Tagespolitik und wir folgen keinem Zeitgeist. Wir erzählen Geschichten, von denen wir glauben, dass sie uns alle angehen, weil sie akut sind, weil wir in ihnen das wahrnehmen, was uns nahe geht.

Ergänzt wird unser eigenes Repertoire durch Gastspiele, mit denen wir Theater in seiner Vielfältigkeit zeigen wollen. Musikalischen Abenden, komödiantischen Stücken mit Tiefgang, Stücke über die es sich lohnt nachzudenken, clownesken Stücken, wiederkehrenden Gastspielen der Accademia Teatro Dimitri und der Famiglia Dimitri aus dem Tessin, die bei unserem Publikum Kultstatus haben.

Die Theaterbar ist eine Stunde vor der Vorstellung, in der Pause und nach der Vorstellung für Sie geöffnet.

Im Forum Café gibt es kleine Snacks und Speisen. Möchten Sie vor der Vorstellung etwas im Forum Café essen? Dann empfehlen wir Ihnen, sich mindestens eine Stunde vor Vorstellungsbeginn im Café einzufinden.

Forum Café Öffnungszeiten:

Montag – Freitag
15.00 – 23.30 Uhr (Küche bis 22.30 Uhr)
Samstag
12.00 – 23.30 Uhr (Küche bis 22.30 Uhr)
Sonn- und Feiertag
geschlossen

Bei schönem Wetter hat der Biergarten im Innenhof geöffnet.

Forum Theater
Gymnasiumstraße 21
70173 Stuttgart