Kampf der Leichtlohngruppe

Von Verena Großkreutz | Datum: 17. Juni 2026

Kampf der Leichtlohngruppe

Es tanzen und jauchzen Cemile (Ursula Berlinghof), Nour (Melisa Melek Özel), Tülay (Selda Falke), Mercedes (Sorina Kiefer, v.l.). Fotos: Tobias Metz

Gün Tanks Roman „Die Optimistinnen“ erzählt die Geschichte der Anwerbemigration in Westdeutschland aus der Perspektive starker Frauen. In Stuttgart hatte jetzt eine Bühnenbearbeitung Premiere. Ein Liederabend, der offensichtlich an den Erfolg des Theaterstücks „Istanbul“ anknüpfen möchte – und das ist seine Schwäche.

Party, Party, Party schon zu Beginn: Als die türkische Folkband musizierend die Bühne des Stuttgarter Alten Schauspielhauses betritt, klatscht das Publikum sofort begeistert mit. Das wird es an diesem Abend, an dem eine neue Bühnenbearbeitung von Gün Tanks Roman „Die Optimistinnen“ gespielt wird, immer wieder tun – wenn die Musik so richtig schön fetzt, wenn das siebenköpfige Ensemble zu den kraftvollen Rhythmen seine Körper geschmeidig windet, wenn es mit ausgebreiteten Armen und arabesk sich verdrehenden Händen Bauchtanz andeutet, wenn es in höchsten Tönen juchzt und immer wieder Menschen aus dem Publikum herauszieht und zum Mittanzen zwingt, äh, auffordert. Etwa im charmanten „Hepsi senin mi“ (Gehört das alles dir allein?) des türkischen Popstars Tarkan.

Das war alles schon so in „Istanbul“, der deutschlandweit erfolgreichen Migrationsspieg­elverkehrungsko­mödie, die 2023 auch im Alten Schauspielhaus der privaten Schauspielbühnen in Stuttgart ein Theaterburner wurde. Inszeniert hatte damals Murat Yeginer – der dies jetzt auch bei „Die Optimistinnen“ getan hat. Yeginer, der in der Rolle des sympathisch-lässigen, weltoffenen Dede (Opa) auch selbst mitspielt, hat den Roman dann auch gleich selbst für die Bühne bearbeitet. Es wird schnell klar, dass er das erfolgreiche Liederabend-Konzept von „Istanbul“ auf „Die Optimistinnen“ übertragen hat – als eine Art Fortsetzung der „Geschichte der Gastarbeiter, aus der Perspektive starker Frauen“, so heißt es in der Vorankündigung.

Hommage an die Muttergeneration der Autorin

Gün Tanks Roman „Die Optimistinnen“, der 2022 erschien und 2024 schon mal in einer anderen Bühnenfassung am Berliner Maxim Gorki Theater zu sehen war, ist eine Hommage an die Mutter-Generation der Autorin. Die in Berlin geborene Tank will darin eine Gruppe sichtbar machen, die in der deutschen Erinnerung in der Regel keine Rolle spielt: den weiblichen Teil der „Gastarbeiter“, Frauen, die die Wirtschaft Westdeutschlands mit aufgebaut haben – gerufen von der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Anwerbeabkommen. In Hochzeiten der Anwerbung war fast jeder dritte „Gastarbeiter“ eine Frau, in manchen Branchen sogar jede zweite Person. Genau in dieser Zeit spielen „Die Optimistinnen“.

Erzählt wird die Geschichte der jungen, selbstbewussten, gebildeten Nour (Melisa Melek Özel), die in den frühen 1970er-Jahren aus Istanbul nach Deutschland kommt, um hier zu arbeiten. Sie lebt mit Frauen aus verschiedenen Ländern in den beengten Verhältnissen eines Wohnheims in der Oberpfalz, teilt sich mit dreien von ihnen ein Acht-Quadratmeter-Zimmer, erlebt die harten Arbeitsbedingungen am Fließband einer Porzellanfabrik, wird wesentlich schlechter bezahlt als die männlichen Arbeiter (nämlich um bis zu 40 Prozent). Sie tut sich mit ihren Kolleginnen Tülay (Selda Falke), Mercedes (Sorina Kiefer) und Cemile (Ursula Berlinghof) zusammen, streikt und kämpft für gerechtere Löhne, bessere Arbeits- und Wohnbedingungen, für Deutschunterricht – am Ende erfolgreich, gegen alle Widerstände und zunächst unabhängig von der Gewerkschaft im „wilden Streik“. In der Figur der Nour steckt Gün Tanks eigene Mutter: Azize Tank, die 1972 aus der Türkei in die Oberpfalz kam, um dort in einer Fabrik zu ackern, die später zur Aktivistin der Westberliner Frauen- und Friedensbewegung wurde und schließlich von 2013 bis 2017 für Die Linke im Bundestag saß.

Kampf der Leichtlohngruppe

Gutgelaunt in den Arbeitskampf: Tülay (Selda Falke), Nour (Melisa Melek Özel), Cemile (Ursula Berlinghof), Dede (Murat Yeginer) und Su (Yasemin Cec, v.l.).

Der Abend erzählt Nours Geschichte in Rückblicken, aus der Sicht ihrer Tochter Su (Yasemin Cec) und ihres Vaters, Sus Opa (Murat Yeginer). Das Bühnenbild von Beate Zoff lässt viel Platz zum Spielen: Hinten drei große Projektionsflächen, auf die Fotos realer Arbeitskämpfe, das Werksgelände oder Wohnbaracken gebeamt werden, eine Seelandschaft (wenn gepicknickt wird) oder ein Waldfriedhof (für eine skurrile Geisterszene). Rechts und links sitzen jeweils zwei der Musiker in Verschlägen (musikalische Leitung: Eren Akşahin). Vorne, auf einem rautenförmigen Podest, wird gespielt, getanzt, gesungen. Etwas plakativ steigen die Frauen gelegentlich in die ausgesparte Mitte der Raute, damit der zeternde Chef oben, erbost über die Streiks, noch mächtiger wirkt. In den Kostümen dominieren Muster der 1970er-Jahre. Nour, die moderne junge Frau, trägt französischen Chic, ihre Freundinnen auch Kopftuch.

Nur gute Laune nervt irgendwann

Super, dass dieses Thema endlich mal auf der Bühne gelandet ist, denkt mensch. Bloß wird die Arbeitsrealität in der Fabrik in der Stuttgarter Bühnenfassung komplett ausgeblendet. Gespielt werden Streikszenen. Dann stehen drei oder vier Frauen auf der Bühne, halten Plakate hoch („1 DM mehr!“, „Leichtlohngruppe weg“) und rufen ins Megafon, dass sie gerecht behandelt werden wollen. Und werden von Männern beschimpft: dass sie dahin zurückgehen sollen, wo sie herkommen oder hingehören, nämlich an den Herd, um dort für die „Behaglichkeit“ des Mannes zu sorgen.

Kampf der Leichtlohngruppe

Tülay (Selda Falke, Mitte) ist das Lachen vergangen.

Einmal wird ein genervter Polizist (Frederik Leberle in vielen Rollen) handgreiflich, die Frauen wehren sich, er zieht, völlig überrascht von der Gegenwehr, die Pistole. Wirkt aber kaum bedrohlich. Die Frauen halten ihre Streiks ohnehin so ab, als wären sie auf einer Tanzveranstaltung. Denn Yeniger setzt durchweg auf gute Laune. Und das nervt irgendwann.

Vor allem in der merkwürdigen Friedhofsszene, in der Nour (in Gesellschaft ihrer Arbeiterfreundinnen) der Geist einer Porzellan-Fabrikarbeiterin und Gewerkschaftlerin erscheint, die 1925 jung an der Staublunge krepierte. Letzteres ist ja nicht gerade ein Komödienthema. Aber es wird im Publikum gegiggelt und gelacht, auch weil Ursula Berlinghof als trutschige, ständig wild gestikulierende Karikatur einer türkischen Frau mal wieder völlig übertreibt.

Einige Lieder dämpfen die Aufgedrehtheit

Feierlaune verströmt meist auch die Musik, die mit 16 Nummern viel Raum einnimmt – türkische Songs aus den letzten Jahrzehnten, gesungen in der Originalsprache, mal solo, mal in der Gruppe, und begleitet von der vierköpfigen Band, die auch einige traditionelle türkische Instrumente spielt. Das Niveau des Gesangs geht in Ordnung. Inhaltliche Bezüge? Manchmal: Etwa in Bora Ayanoğlus „Fabrika Kızı“ (Das Fabrikmädchen, von 1969). Vieles ist dagegen sehr allgemein interpretierbar als Heimweh-Lied: etwa Aşık Mahzuni Şerifs „Dom Dom Kurşunu“ (Dum-Dum-Geschoss, von 1984) oder Aşık Veysels „Çiğdem Der Ki“ (Die Krokusblume sagt, von 1930). Aber einige Lieder sind es letztlich, in denen die Produktion mal von ihrer aufgedrehten Grundstimmung herunterkommt: wenn Sorina Kiefer in „Kutlama“ (Feier, von 2008) und Selda Falke in „Gurbet“ (Fremde, von 1972) berührend von ihrer Sehnsucht nach der Heimat singen oder Melisa Melek Özel als Nour ihrer Verlorenheit in „Küçügüm“ von Sezen Aksu (Ich bin noch klein, von 1993) Ausdruck verleiht.

Am Ende reißt es das Publikum aus den Sitzen in die Standing Ovations. Vermutlich werden auch „Die Optimistinnen“ wieder für ein volles Haus sorgen. Wer hat schon etwas gegen Theater, in dem die Stimmung durchweg Bombe ist? Und erfreulich ist es ja schon, wenn sich im Publikum mal endlich etwas von unserer Vielfaltsgesellschaft widerspiegelt. Schaut man sich aber die hohen Umfragewerte jener an, die sich an ihren „Remigrations“-Fantasien aufgeilen, dann wünscht man sich halt doch einen Theaterabend, der genau denen wehtut.