Rückschritt ist der neue Fortschritt!
Von Verena Großkreutz · 15. Oktober 2026
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In der spartenübergreifenden Produktion „Ein Stück Geschichte“ von Antje Schupp bündelt die Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ihr ganzes künstlerisches Potenzial und lässt es auf der Bühne des Wilhelma Theaters aufgehen. Eine engagierte, witzige, künstlerisch pralle Reaktion auf die Politik unserer Zeit.
Alles beginnt mit einer Unterschrift, festgehalten auf einem Foto: Donald Trump, der mächtigste Mann der Welt, streicht am 23. Januar 2017 mit seiner Signatur die US-Finanzhilfen für alle Organisationen im Ausland, die Schwangerschaftsabbrüche ermöglichen. Zudem verbietet er ihnen jede Art von Beratung. Im Oval Office hinter ihm versammelt: sieben wichtig dreinschauende Männer in Anzügen. Keine Frau in Sicht. Ein Sinnbild für das Patriarchat. Ein Mann, der offen mit sexuellen Übergriffen prahlt, bestimmt über Frauenrechte weltweit und inszeniert seine Unterschrift medienwirksam als Event – drei Tage nach seiner Amtseinführung.
Auf der Bühne des Stuttgarter Wilhelma Theaters wird dieses Bild weitergedacht: Trump (Johannes Frederik Pisall), stellvertretend für alle mächtigen Männer, schwingt eine Rede: „Ich, weißer Mann mit weißem Haupt und weisem Gewissen, weiß: Weiß kommt von Wissen!“ oder „Viel zu lange sind wir weißen Männer unterdrückt worden!“. Die Männerhorde hinter ihm unterstreicht jede Phrase mit einem chorisch gebrüllten „Howgh!“.
Die neue Theaterproduktion der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst „Ein Stück Geschichte“, die jetzt im Wilhelma Theater Premiere hatte, nimmt den Beginn von Trumps erster Amtszeit zum Anlass, die Monate danach aufs Korn zu nehmen. In 21 Szenen thematisiert sie Ereignisse dieses Zeitabschnitts und reflektiert sie performativ – darunter Putins Gesetz, das die strafrechtliche Verfolgung von häuslicher Gewalt entschärft; die weltweiten Proteste gegen Trump für Menschenrechte; Trumps Dekret gegen Klimaschutzbestimmungen und sein Fauxpas, den Terroranschlag in Sehwan in einer Rede nach Schweden zu verlegen; der weltweite massive Anstieg von Hinrichtungen; die menschenfeindliche Migrations- und Asylpolitik der EU; die Demonstrationen gegen den G20-Gipfel in Hamburg; der Einsatz der Superbombe GBU-43 durch die US-Streitkräfte in Afghanistan. Der Abend klärt darüber auf, warum es derzeit so schwer ist, seine Hoffnung nicht zu verlieren. Die Hoffnung auf mehr Freiheit, Vielfalt, Gleichheit und Demokratie. Die Produktion verbindet dokumentarisches Material mit Fiktivem und reagiert mit theatralen und satirischen Mitteln auf eine Politik, die selbst mit Inszenierung und Übertreibung agiert.
Ein Neandertaler, der Bücher verschlingt
Die deutsche Autorin und Regisseurin Antje Schupp hat das Stück geschrieben und inszeniert. Im Einsatz: 13 Studierende der Sparten Schauspiel, Figurentheater und Opernschule. Eine lebendige, explosive Mischung. Die Bühne verstrahlt dokutheatergemäß den rohen Charme einer Werkstatthalle: mit Arbeitstischen, Gerüsten, einem drehbaren Podest für die Spielszenen, einer großen Leinwand für die Projektion historischen Bildmaterials und künstlerischer Kommentare der Materialtheatermacher:innen, außerdem ein Klavier, an dem Sayaka Tominaga Ragtime oder Bach-Fugen spielt oder Lieder begleitet (Bühne und Kostüme: Christoph Rufer).
Die Mischung aus menschlichen Darsteller:innen und Figuren (ob Puppen oder Objekte) zündet und ist höchst unterhaltsam. Die Rahmenerzählung übernimmt die Autorin persönlich – in Gestalt einer menschengroßen, verhaltensoriginellen, exzentrischen Puppe (geführt und gesprochen von Zina Strunz), die gleich zu Beginn klarmacht: „Es treten Frauen und Männer auf oder solche, die sich weder als das eine noch als das andere sehen. Wer hier wen spielt, ist der Autorin herzlich wurscht.“
Zum Einsatz kommen auch kleine Muppet-Monster, eine „Dreiviertelfrau“ (eine Puppe, die nur aus einem Unterleib besteht – als Ergebnis einer statistischen Berechnung), außerdem Objekttheater: etwa wenn es um Statistiken zu Femiziden und häuslicher Gewalt geht. Dann lassen die Materialtheatermacher:innen die Zahlen auf der Leinwand tanzen oder männlich gelesene Personen in bunten Tütüs und mit Zahlenkronen auf dem Kopf verleihen den trockenen Fakten ballettöse Eleganz.
Zum Thema Rollback, das Zurückdrehen der Geschichte, hat sich Antje Schupp ein witziges Bild einfallen lassen: Ein Neandertaler in Fell und mit der Dreiviertelfrau unterm Arm betritt die Bühne und erschlägt mit seiner Keule den gerade aus einem Buch lesenden Voltaire, Kopf der Aufklärung. Er nimmt dessen Buch und isst es einfach auf. „Tschüss Aufklärung. Rülps.“ Diskussionen folgen: „Ich brauche keinen Fortschritt. Wenn der Rückschritt bequemer ist, dann habe ich damit überhaupt kein Problem.“ Oder: „Du bist jetzt rückwärtsgewandt und ich bin vorwärtsgewandt und deswegen passen wir nicht mehr zusammen!“ – „Ich mochte die Aufklärung noch nie.“ – „Ich glaub‘, ich hör‘ nicht recht.“
Sensationell anarchische Wirrnis
„Später wird der Begriff „Genderwahn“, eines der Lieblingswörter konservativer und rechter Kräfte, auf die Schippe genommen. Er löst eine sensationell anarchische Wirrnis auf der Bühne aus, an der auch die drei Muppet-Monster (grün, rot, blau) kräftig mitmischen. „Der Genderwahn ist um dich herum und sickert Stück für Stück in dein Gehirn.“ – „Was? Das ist ja schrecklich!“ – „Genderwahn ist der Wahn, den du kriegst, wenn du nicht mehr weißt, ob du dich als Mann oder als Frau bezeichnen sollst.“ – „Ist das denn schlimm?“ – „Ja, aber natürlich ist das schlimm!“ – „Vielleicht bist du ja auch schon im Genderwahn.“ – „Wieso, ist der denn ansteckend?“ – „Aber wie.“
Eine Person in Frauenkleidern sagt selbstbewusst: „Ich bin eine Frau.“ Jemand widerspricht: „Sie sind ein Mann, das sehe ich aber so etwas von eindeutig.“ – „Woran machen Sie denn fest, dass ich ein Mann bin?“ – „Weil Sie keine Frau sind.“ Die verwirrt herumwuselnden Gestalten fragen sich nun gegenseitig, ob sie Frau oder Mann seien. „Das ist ja toll, sie ist eine Frau! Jetzt müssen wir uns nur noch mit ihr vergleichen. Und wenn wir aussehen, wie sie, dann sind wir auch eine Frau!“ Mehr und mehr wird jede Art von binärer Geschlechtszuweisung ad absurdum geführt.
Das hat Schupp sehr raffiniert in Szene gesetzt: Der theatralen Überforderung auf der Bühne folgen immer stille Szenen. Etwa der anrührende Bericht eines chinesischen Journalisten, der wegen Recherchearbeiten mit fünf Jahren Haft rechnen muss: Der Countertenor WenBo Shuai spricht in seiner Muttersprache, bevor er Händels Arie „Stille Amare“ (Grausame Sterne) zum Besten gibt. Oder Rebecca Herter singt Offenbachs „Barcarolle“ vor den Teilnehmer:innen des G20-Gipfels.
Trump, die Ameise
In einer weiteren Szene geht es um die Entlarvung der Doppelmoral und Menschenrechtsverletzungen der EU. Ein von der EU finanzierter Grundkurs in „Gender-Awareness“ soll Männer der libyschen Küstenwache in gendersensibler Sprache schulen und über geschlechtliche Orientierung und Geschlechtsidentität informieren. Den beiden offenbar homosexuellen Dozenten (Amelie Sarich und Til Schumeier) geht es dabei aber nicht um eine queere Mission, sondern sie wollen den Kurs schnell hinter sich bringen – auch ohne den Übersetzer, der noch nicht erschienen ist („Dieses Libyen ist ja noch krasser, als ich es mir je ausgemalt habe!“). Die Folge sind äußerste Sprachverwirrung und merkwürdige Erkenntnisse auf Seiten der Küstenwache: Intersexualität sei, wenn Menschen beim Sex anderer „dazwischengeraten“.
Die Szene zeigt auf sehr subtile Weise die Doppelmoral der EU, die ihr Werteverständnis weit über die angeblich so misogyne, homo- und transphobe Küstenwache stellt, sie andererseits aber dafür bezahlt, Flüchtende mit Gewalt davon abzuhalten, in Europa ein besseres Leben zu führen oder ihr blankes Leben zu retten. Den Tod dieser Menschen nimmt sie dabei billigend in Kauf.
Wie einen so vorwärtstreibenden, vor Kreativität nur so strotzenden, politisch engagierten Theaterabend (von einer Stunde und 50 Minuten) zu Ende bringen? Trump verwandelt sich auf märchenhafte Weise in eine Ameise, Bombendetonationen zeugen vom letzten großen Knall. Stille, Vogelzwitschern … und die Figurentheaterfraktion lässt Grün über Mauern wachsen. Die Natur, von der Menschheit befreit, holt sich ihre Räume zurück.









