Ellen Babić
von Marius von Mayenburg
Seit vielen Jahren lebt die Englischlehrerin Astrid mit ihrer sehr viel jüngeren Lebensgefährtin Klara zusammen. Als Astrid ihren Vorgesetzten, den Schulleiter Wolfram Balderkamp nach Hause einlädt, der über einen »Vorfall« sprechen will, der auf einer Klassenfahrt nach Trier stattgefunden haben soll, ist Klara alarmiert.
Was passiert, wenn er sich an sie erinnert? Er unterrichtet schließlich an derselben Schule, an der sie, damals noch als Schülerin, Astrid kennengelernt hat.
Und bald schon zieht Balderkamp gleich einer Spinne durch die Wohnung und spannt mit mehr oder weniger versteckten Drohungen und Andeutungen ein gefährliches Netz. Die Trennung von Beruf und Privatleben, von Vergangenheit und Gegenwart offenbart sich immer mehr als Wunschdenken. Und dann ist da auch noch dieses Mädchen – Ellen Babić.
Ein #MeToo-Verdacht, der Vorwurf von Beziehungen mit Abhängigen, gar Unmündigen schwebt im Raum und es entsteht ein Dickicht aus Sicherheit und Verunsicherung, in dem jegliche persönliche Grenze gefährdet ist. Das Wohnzimmer der beiden Frauen verwandelt sich in kürzester Zeit in ein argumentatives Minenfeld. Es geht um nichts weniger als Deutungshoheit, Macht und Schuld bzw. Unschuld.
Wer lügt und wer sagt die Wahrheit?
Der Autor Marius von Mayenburg hat mit »Ellen Babić« einen Psychokrimi geschrieben, in dem er seine Figuren mit viel Wein und bitterbösen, scharf pointierten Dialogen virtuos zwischen Situationskomik und einer schonungslosen Abrechnung mit institutionellem Machtmissbrauch hin und her navigiert.
KONTEXT-Wochenzeitung Rezension
Verlag: CARSTENSEN & OEGEL INTERNATIONAL GmbH
Der Bock als Gärtner
Von Martin Mezger
Maya Fanke inszeniert Marius von Mayenburgs „Ellen Babić“ im Stuttgarter Studio-Theater – ein Stück über Macht und Missbrauch des Missbrauchs im pädagogischen Mikrokosmos.
Keine Käsefüße, kein Achselschweiß, kein Deo. Brauche er nicht, sagt Gymnasialrektor Wolfram Balderkamp. Sein Körper sei vollkommen geruchsneutral. Ob sie mal riechen wolle?, meint er zu Lehrerin Astrid und hebt den Arm. Sie will nicht. Die beiden sind allein.
Nur eine Peinlichkeit des Chefs gegenüber der Englischlehrerin aus dem eigenen Kollegium? Von wegen. Der Rektor ohne Körpergeruch hat eine andere strenge Ausdünstung: Er stinkt nach sexualisierter Macht. Seinen Körper drängt er gezielt als demütigende Machtdemonstration auf. Exhibitionismus, aber unterhalb der Strafrechtsschwelle. Weil solcher Körpereinsatz kein Corpus Delicti ist. Sondern jederzeit als Ungeschick der Umgangsformen ausgegeben werden kann.
Marius von Mayenburgs Drei-Personen-Stück „Ellen Babić“ legt die begehrlichen und begehrten Körper in wortreiche Sprachketten. Dadurch wird die Macht zurückverwiesen an die Sprache als Kampfzone, wo die Ketten gesprengt oder geschlossen werden. Dia- und trialogisierend entwickelt der exzellente Bühnentext enorme theatralische Wirkung in Maya Fankes Inszenierung im Stuttgarter Studio-Theater.
Der Chef ist der Chef im Ring: Souverän beherrscht Rektor Balderkamp wie eine lauernd-hinterhältige Spinne im Sprachnetz die Strategie bloßstellender Sprechakte. Überall legt er verbale Fallstricke aus, jedes Wort ein Kreuzverhör, jede Frage ein Verhängnis mit Netz und doppeltem Boden, jede Antwort eine Verwicklung in stammelnde Ausreden.
Glatzkopf wie eine Abrissbirne, stechender Blick, inquisitorische Autorität, herausfordernde Distanzlosigkeit: Burkhard Wolf gibt dem Horror-Pädagogen eindringliche Gestalt, spielt überragend und keineswegs eindimensional. Präzise Gestik und Mimik, eine Fassade wie einstudiert und gerade deshalb glaubwürdig. Als Kontrapunkte Registerwechsel ins Sensible: wenn er mutiert zum Musensohn, zwar ins Rektorat befördert, aber am liebsten auf der Orgel oder dem zart zirpenden Cembalo spielend; oder den solidarischen Schutzpatron gibt, der sich wie ein Fels vor sein Kollegium und namentlich vor Astrid stellt. Dass er selbst die Drohkulissen aufbaut, bevor er Schirm und Mantel ausbreitet, gehört zu seiner unverhohlenen Logik. Astrid ist lesbisch. Immer noch ein wunder Punkt hinter allen „Kein Problem“-Floskeln. Nicht zuletzt für Astrid selbst. Der Chef wittert Schwäche – und seine Chance.
Hat sie mit Ellen oder hat sie nicht?
Doch erst einmal streiten sich Astrid und ihre Lebensgefährtin Klara, früher ihre Schülerin, ob er tatsächlich so ein „Arschloch“ ist, der Balderkamp. Astrid hat „den Wolfram“ eingeladen. Rein privat, also aus Angst vor beruflichem Ungemach. Die übliche Crux mit Kollegenkontakten – „ganz normal“, sagt sie. Dass sie selbst nicht ganz normal sei, bekommt sie alsbald von ihrem Gast serviert.
Klara ist empört über die Einladung des Mannes, unter dessen regem Interesse für Schülerinnen ab der Pubertät sie als Gymnasiastin zu leiden hatte. Wolfram in Realpräsenz ist dann allerdings auch ein Katalysator für Rivalitäten unter den beiden Frauen. Ihre Lügengeschichten nutzt er prompt zu Attacke und Anklageerhebung: Selbstverständlich hat er sofort erkannt, wer Klara ist. Seine ehemalige Schülerin. Und die Astrids. Passt wunderbar ins Konzept. Dann bringt er die Titelfigur ins Spiel, die im Stück nie auftritt und doch Dreh- und Angelpunkt ist: ein dramaturgischer Kniff, der aus einem Fragezeichen einen Hebel macht. Ausgehebelt wird: die Liebesbeziehung von Klara und Astrid.
Ellen Babić, eine Zehntklässlerin, betrunken und kotzend auf der Klassenfahrt nach Trier: Astrid musste das Mädchen in Obhut nehmen. Ob sie sie auch mit zu sich ins Bett genommen hat, ist jenes Fragezeichen, aus dem Kollege Wolfram (und angeblich auch der Vater Ellens) ein fettes Ausrufezeichen bar jeglicher Unschuldsvermutung machen. Der Rektor redet, gespickt mit homo- wie xenophoben Ressentiments, von „Muster“ und „Beuteschema“, erklärt Astrid zur pädophilen Täterin und Klara zu ihrem Opfer („Dieser Frau, dieser Frau geht’s nicht um dich. Ihr ging’s um deine Jugend“). Klara droht er mit dem Beziehungsende („Sie schaut sich nach was anderem um, nach einer Jüngeren“), Astrid mit dem Staatsanwalt.
Ist der Missbrauch Fakt oder Finte? Für die Finte sprechen die Vorverurteilung und die Passgenauigkeit der Vorwürfe. Klara und Astrid sind sich tatsächlich einst auf der Klassenfahrt in Trier näher gekommen. Kann man gut ein Wiederholungsmuster suggerieren. Und das verfehlt seine Wirkung nicht. Für Klara tut sich ein Abgrund an Beziehungs- und Lebenslüge auf. Sie wird die Nacht bei einer Freundin verbringen.
Er spielt seine Macht aus, weil er es kann
Mit ein paar unschuldigen Klaviertönen signalisiert Fankes Inszenierung gleich zu Anfang ein zweites Fragezeichen: Was treibt den musischen Wolfram, nach allen Regeln der Kunst auf der Klaviatur vernichtender Macht zu spielen? Eitelkeit? Konkurrenzneid auf die fachlich exzellente, bei den Schülern äußerst beliebte Kollegin? Seine sexuelle Frustration? Rache für gekränkte Leidenschaft? So inszeniert er sich zu guter Letzt selbst, aber seine Stunde der wahren Empfindung ist keine, sondern eine weitere Waffe. Ebenso die Karrierehoffnungen, die er Astrid vorgaukelt, um die Fallhöhe von der Musterpädagogin zur Sexualstraftäterin zu vergrößern – und um sie gegenüber Klara als Opportunistin zu kompromittieren. Es sind Giftköder, die er austeilt, sobald der Holzhammer nicht mehr trifft, nämlich seine demonstrativ sexualisierende Unverschämtheit. Etwa wenn die gelernte Schreinerin Klara im Jargon ihres Metiers von „Schlitz und Zapfen“ redet. Da führt er sich auf wie ein pubertärer Rotzbengel.
Gegen all das kommen Astrid und Klara nicht an mit ihrer emotionalen Aufrichtigkeit, die Wolframs Tricks bei ihnen triggern. Dass sich Astrid zur Gegenfinte verleiten lässt – angeblich hat sie seine Übergriffigkeiten protokolliert, in Wahrheit existieren die Protokolle nicht –, belegt ihre Ratlosigkeit vor der Kapitulation.
Es ist die Kapitulation vor einer sadistischen Macht, die keine weiteren Motive braucht. Der Bock macht sich zum Gärtner, indem er ein Exempel an Missbrauch des Missbrauchs statuiert. Der falsche Verdacht ist die Vorwärtsverteidigung der wahren Täter. Er lenkt ab von ihren Schandtaten und den Zweifel auch auf die zweifelsfreien Fälle. Damit sexuelle Übergriffe samt sexueller Diskriminierung wieder wie beabsichtigt unterm Radar durchsegeln können.
In Maya Fankes Regie trägt ein realistisches, zugleich sinnfällig choreografiertes Körper-Sprach-Spiel die Botschaft. Schirin Brendel als Astrid zeigt eine durch Kompromisse, Versteckspiele, offene und verdeckte Anfeindungen gezeichnete Veteranin des Kampfs um Selbstbestimmung, deren widerständige Lebenslust trotz allem nicht erloschen ist. Esrah Ugurlu als Klara verkörpert das Coming Out als Reifeprozess: Eingeständnis der Homosexualität, Pubertätskrise am Rand des Suizids, energische Überwindung im Bekenntnis zur eigenen sexuellen Orientierung – und in der Beziehung zu Astrid. Dass sie Wolfram am Ende eine Flasche Wein in den Schoß leert, genau aufs männliche Zentralorgan, als hätte er sich eingeseicht, gibt symbolhandelnd die Demütigung zurück, die sie durch ihn erlitten hat. Und wenn sie fortgeht, weg von Astrid, ist das wie bei Ibsens „Nora“ entschiedener Ausdruck ihrer erkämpften Identität, die sie sich nicht mehr nehmen lässt.
Das Darstellertrio trägt Alltagsklamotten, mit denen Ausstatterin Ágnes Hamvas einen trefflich charakteristischen Dress-Code formuliert. Die Bühne im rechten Winkel der beiden Zuschauerräume hat sie bestückt mit Bücherstapel und Rundhockern: schlicht, aber angemessen für dieses Sprechtheater berstender Binnenhochspannung.
02.04.2026
Theater / Spielstätte
Studio Theater Stuttgart
Das Studio Theater Stuttgart
ein echter Geheimtipp
Das mittlerweile seit über 50 Jahren bestehende Studio Theater Stuttgart – mit seinem Kindertheater KRUSCHTELTUNNEL – ist ein Zimmertheater mit zwei kleinen Bühnen in einem lauschigen, grünen Hinterhof in Stuttgarts Mitte – heutzutage eine kleine Rarität!
Insbesondere unter der künstlerischen Leitung von Christof Küster (2008 bis 2024) hat sich das Theater von der experimentellen „Sprungbrettbühne“ zu einer professionellen, angesehen Spielstätte entwickelt und sich in Stuttgart durch frische und zeitkritische Inszenierungen bei Wohnzimmeratmosphäre einen Namen gemacht.
Das Studio Theater gilt hier, als auch in der bundesweiten Privattheater-Szene, als Geheimtipp. Das Stadtmagazin LIFT nannte es „Das Berlin unter Stuttgarts Bühnen“. Zwei Monica-Bleibtreu-Preise 2015 und 2018, sowie zwei Nominierungen für den Faust-Preis 2024 und 2025 ehren unter anderem unsere künstlerische Arbeit.
Ein Besucher schrieb treffend über unser kleines Haus: »In kaum einem anderen Theater ist man so nahe an den Akteuren. Als Zuschauer spürt man ihren Atem, sieht ihnen ‚direkt ins Augeninnere‘, hört selbst die feinsten Nuancen und in der ersten Reihe sitzt man mehr oder weniger fast selbst mit auf der Bühne.«
Zu Beginn der Spielzeit 2024/2025 haben Nadine Klante und Daniela Urban als künstlerische Doppelspitze die Leitung übernommen:
„Wir freuen uns über das Vertrauen, das man uns als Theatermacherinnen entgegenbringt, diesen erfolgreichen Weg des Studio Theaters weiterzugehen, um nun unsere eigenen Spuren zu hinterlassen.“
Wir zeigen Klassiker, spannende Romanadaptionen und politische und zeitkritische Inszenierungen und setzen neue Impulse unter anderem durch Kooperationen und neue Formate, die auf mehr Diskurs mit dem Publikum setzen, um in den direkten Austausch zu kommen.
Dazu gehören auch Formate wie die Reihe »Studio goes Politics« -politisches Kabarett mit immer neuen aktuellen Themen, oder ein »Audiowalk« durch Stuttgart zum Thema »Gewalt gegen Frauen«.
In unserem Kindertheater Kruschtelunnel erfreuen sich unsere Theaterstücke für Jung und Alt so großer Beliebtheit, dass es oft schwierig ist, noch Karten zu bekommen. Auch hier funktioniert die Mischung aus Kinderbuchklassikern und aktuellen Stoffen hervorragend. Themen wie Freundschaft, Mut, Andersein und Zusammenhalt, die von uns auf der Bühne in spannende Geschichten verpackt werden, fesseln und begeistern Kinder immer wieder aufs Neue.
Das Theater wird von Stadt und Land gefördert und unser kleines Team sieht es -seit jeher- als Aufgabe, Herausforderung und Chance an, nicht nur Inszenierungen zu verwirklichen, sondern auch kreative Wege zu gehen, um noch ökologischer, barrierefreier, sichtbarer und ansprechender für Sie zu werden. Dabei dürfen Sie uns sehr gern unterstützen, denn das Studio Theater Stuttgart e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und wir freuen uns stets über neue theaterbegeisterte Mitglieder!
Möchten Sie uns auf dieser Theaterreise begleiten?
Bleiben Sie uns treu, oder lernen Sie uns neu kennen: Wir freuen uns auf Sie!
1969 war eine Theatergruppe in den kleinen Gewerbebau im Hinterhof an der Hohenheimer Str. eingezogen – schon damals nannte sich dieser besondere Spielort Studio Theater Stuttgart. In kompletter Eigenleistung baute sie unermüdlich an Bühne und Zuschauerraum und brachte in loser Reihe Stücke heraus.Mit der Berufung von Norbert Laubacher zum Künstlerischen Leiter begann sich die Gruppe zu professionalisieren. Immer auf der Suche nach Neuem und stets engagiert, hatte man sich bald den Ruf einer Talentschmiede erarbeitet. Das Studio Theater Stuttgart nahm im Mai 1981 den regelmäßigen Spielbetrieb auf. Seit 1992 wird das Theater rechtlich-formal unabhängig als gemeinnütziger Verein mit kommunaler Förderung geführt. Seit 2001 arbeiten im Studio Theater nur noch freie professionelle Schauspieler, Regisseure und Bühnenbildner.
Seit 2002 ist im Studio Theater in der Hohenheimer Str. 44 auch Stuttgarts ältestes Kindertheater der „KRUSCHELTUNNEL“ beheimatet.
Die „Theaterbar“ öffnet eine Stunde vor der Vorstellung – bei schönem Wetter kann man im grünen Hinterhof wunderbar draußen sitzen. Die Getränke dürfen mit in den Theatersaal genommen werden!
Studio Theater Stuttgart
Hohenheimer Straße 44
70184 Stuttgart
- Website: www.studiotheater.de


