Die Wut, die bleibt
nach dem Bestseller von Mareike Fallwickl
„Haben wir kein Salz?“ fragt Johannes beim Abendessen. Da steht Helene vom Tisch auf und stürzt sich vom Balkon. Ohne ein Wort und scheinbar ohne Anlass.
Der überforderte Johannes und drei Kinder bleiben zurück. Durch Helenes Abwesenheit wird schmerzlich klar, wie sehr sie das Zentrum dieser Familie war. Wie leben ohne Helenes Liebe und Fürsorge? Und mit dieser Trauer und dem Gefühl der Schuld?
Auch Sarah, die beste Freundin von Helene, fragt sich, was sie übersehen hat. Mit aller Kraft
versucht sie für Helenes Familie da zu sein, Helenes Abwesenheit zu kompensieren, bis alle wieder festen Boden unter den Füßen haben. Doch schnell wird ihre Hilfe zur Selbstverständlichkeit, und Sarah, die sich selbst ein Kind wünscht, droht, in den übernommenen Mutterpflichten zu versinken und dafür ihr eigenes Leben zu opfern.
Sarahs Trauer verwandelt sich in Wut – Wut auf Helene, die sie alle so schutzlos zurückgelassen hat, Wut auf Johannes, der ihre Hilfe gedankenlos ausnutzt, und Wut auf ihren eigenen Partner Leon, der sie gewähren lässt, ihr aber so gar nicht zur Seite steht.
Mitleidlos und noch viel wütender blickt Lola, Helenes älteste Tochter, auf die Situation.
Sie erkennt die Systematik hinter der Tragödie – die Überforderung und Einsamkeit ihrer Mutter, aller Mütter, und die scheinbar unentrinnbaren Rollenbilder, in denen Männer Karriere machen und Frauen zusammenbrechen.
Lolas Wut richtet sich aber nicht nur gegen die Männer, die sich in diesem patriarchalen System bequem einrichten, sondern auch gegen Frauen wie Sarah und ihre Mutter Helene,
die dieses System stützen, statt es zu stürzen. Und Lola ist bereit und entschlossen, sich dem Konstrukt zu entziehen und den Kampf aufzunehmen mit einem allgegenwärtigen, übermächtig wirkenden Gegner.
„Mareike Fallwickl skizziert in diesem feministischen Roman auf drastische Weise, was geschieht, wenn eine erschöpfte Mutter aufgibt, beschreibt die Lücke, die sie hinterlässt und die weibliche Wut, die bleibt. Sie seziert Tabuthemen, veraltete Rollenbilder und legt den Finger in die klaffenden Wunden unserer Gesellschaft.“ (Rowohlt Verlag)
Schlag zurück!Von Verena Großkreutz
Datum: 5. Februar 2026
Schlag zurück!
Von Verena Großkreutz
Mit ihrem Roman „Die Wut, die bleibt“ landete die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl 2022 einen feministischen Bestseller. Seine Aktualität und seine lakonische Sprache machen ihn fürs Theater interessant. Jetzt hatte am Stuttgarter Studio Theater eine neue Bühnenfassung Premiere.
Im November 2024 gab es in der österreichischen Landespolitik einen bemerkenswerten Rücktritt: Der 41-jährige oberösterreichische SPÖ-Landesvorsitzende Michael Lindner zog sich aus der Politik zurück, weil ein Buch ihn zum Nachdenken über seine Vaterrolle gebracht hatte. Lindner verstand seinen Schritt auch als Signal: „Einerseits an die Politik, bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie an die eigene Vorbildwirkung zu denken“, und andererseits an die Männer. Diese sollten sich als Väter die Aufgaben mit den Müttern teilen und nicht die ganze Care-Arbeit auf sie abladen, so Lindner gegenüber dem „Standard“.
Beim besagten Buch handelt es sich um den feministischen, 2022 veröffentlichten Roman „Die Wut, die bleibt“ der österreichischen Schriftstellerin Mareike Fallwickl. Er beginnt mit dem Suizid Helenes, einer Mutter dreier Kinder, die depressiv, überfordert, chronisch erschöpft vom Familienalltag sich während des familiären Abendessens vom Balkon in den Tod stürzt. Auslöser dafür ist ein Spruch ihres Mannes. Statt selbst aufzustehen und nachzuschauen, wirft er die Frage in den Raum: „Haben wir noch Salz?“ Dieser passiv-aggressive Appell an seine Frau wirkt wie der berühmte Tropfen, der Fässer zum Überlaufen bringt.
Das Buch wurde zum Bestseller. Kein Wunder, pflegt die Autorin doch eine leicht zugängliche Sprache, die die Grundanliegen des Feminismus sehr direkt und treffend zu vermitteln vermag: lakonisch, gut getaktet, schmucklos, gespickt mit lebensnaher Derbheit. Eine Sprache, die sich sehr gut eignet für die Bühne. Und so erlebte der Roman schon ein Jahr nach seinem Erscheinen bei den Salzburger Festspielen seine Uraufführung. Jetzt kann man den Roman auch am Stuttgarter Studio Theater erleben. Die Regisseurin Lisa Wildmann verantwortet neben der Dramaturgin Daniela Urban auch die Spielfassung: eine angemessen gekürzte und verdichtete Bearbeitung, die die Spannungskurve straff hält.
Der Roman und seine Bearbeitung thematisieren pädagogisch wertvoll und dezidiert, was in der öffentlichen Debatte nach wie vor kaum eine Rolle spielt (und sich in den Corona-Lockdowns nochmals extrem verschärft hat): die von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit in Sachen Familie, Haushalt, Kinder. Es geht um drei Frauen: Helene, die den Druck zwischen schlecht bezahltem Teilzeit-Bürojob und kotzendem Kleinkinderchaos nicht mehr aushält und sich umbringt. Ihre pubertäre Tochter Lola, die nach dem Suizid ihrer Mutter nach Ventilen für ihre Wut auf das patriarchale System sucht und sie findet. Und Sarah, Helenes beste Freundin (wie sie um die 40 Jahre alt), die nolens volens in die Rolle der Ersatzmutter und unbezahlten Haushaltshilfe hineinrutscht. Für Helenes Witwer bleibt derweil alles beim Alten: Er geht arbeiten, entzieht sich komplett der Verantwortung für die Kinder, die nun Sarah versorgt. Sie, selbstständig und eine erfolgreiche Krimiautorin mit eigenem Haus, gerät in dieselbe Care-Arbeitsfalle wie Helene.
Der Mann ist das „vierte Kind mit Bart“
Wildmann setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die Mittel des Theaters, und das macht den Abend so stark. Das Bühnenbild von Klaus-Peter Platten ist abstrakt-pragmatisch: rechts und links durch Wände gerahmt, hinten drei Ausgänge, in der Mitte ein Laufsteg, der auch als Tisch benutzt wird, ein paar Sitzwürfel, wenig Requisiten. Brauchte Salzburg acht Darsteller:innen, so gelingt es dem Studio Theater, die Geschichte plausibel mit vier Frauen zu erzählen. Das junge Quartett stürzt sich spielwütig ins Geschehen, switcht zwischen den Rollen, die Männer gekonnt comedyhaft überzeichnend, ohne das Thema lächerlich zu machen, vielmehr dadurch zuspitzend: den schluffigen, konfliktscheuen Anzugträger Johannes (Alessandra Bosch), den Helene mal als ihr „viertes Kind mit Bart“ bezeichnet hat, genauso wie den sportiv mit Hanteln hantierenden Leon, der sich um die Bedürfnisse seiner Partnerin Sarah einen feuchten Dreck schert, ihr lieber ständig den Hintern tätschelt, es als Heldentat ansieht, wenn er mal für sie kocht. Anna Angelini (Leon) und Stephanie Biesolt (Sarah) bringen eine bewundernswert gelenkige Küchentisch-Kopulation auf die Bühne. Viel Romantext wird performt, die Szenenfolge ist perfekt getaktet, die Übergänge zwischen Erzählung und Dialogen fluffig. Keine Sekunde Länge.
„Die Wut, die bleibt“ bleibt aber nicht bei der Darstellung von Missständen stehen. Fallwickl will ja zum Widerstand aufrütteln, gegen das Patriarchat, das auf weiblicher Dauer-Verfügbarkeit und Aufopferung aufbaut. Mit Lola, Helenes 15-jähriger Tochter aus einer früheren Liaison, steht eine Generation im Zentrum, die vom bloßen Reden die Schnauze voll hat. Elena Wildmann spielt sie einfühlsam mit dünner Haut und emotional kurzer Lunte: Lola, die zwischen Trauerarbeit und pubertärer Selbstfindung, zwischen Wut und Verzweiflung über den Tod der Mutter Stück für Stück ihren Weg findet. Erst richtet sie die Wut gegen sich selbst, knallt ihren Kopf auf Tischplatten und gegen Wände. Dann beginnt der Denkprozess: Warum fand ihre Mutter keinen anderen Weg, als sich selbst zu töten?
Lola setzt sich zur Wehr gegen Rollenzuschreibungen, begreift, dass das System Frauen im Stich lässt, auch weil Männer nach wie vor mehr verdienen. Ihr Weg ist speziell, dürfte aber fürs weibliche Publikum eine enorm kathartische Wirkung haben. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Sunny schließt sie sich einer Girl-Gang an, die sexuell übergriffigen Machos, Vergewaltigern und des Missbrauchs beschuldigten Lehrern auflauert und diese brutal verprügelt – in schwarzen Hoodies (Kostüme: Bettina Marx) und zu Nina Chubas “Rage Girl”. Die Gang ist überzeugt: Gegen männliche Gewalt hilft nur Gegengewalt. Die solidarische Kraft zwischen den vier Teenagerinnen entlädt sich in diversen wirkungsvollen Choreografien (von Anna Angelini). Etwa, wenn alle vier, den Körper in Angriffshaltung, dem Publikum frontal auf die Pelle rückt: böser Blick nach vorn, die Fäuste zum Tschack-Tschack erhoben. Skandierend: „Was einer von uns geschieht, geschieht uns allen!“
Weil Lola aber nicht nur zuschlägt, sondern auch mit Argumenten auftrumpfen kann, schafft sie es am Ende, auch die ältere Sarah zum Umdenken zu animieren. Die entzieht sich endlich ihrer vermeintlichen Kümmerpflicht, schmeißt ihren Lebensabschnittsgefährten aus dem Haus und wechselt sogar ihr Schreibsujet. Denn Psychokrimis, so Lola, beförderten die Normalisierung von Femiziden.
„Die Wut, die bleibt“ springt an diesem Abend schnell über aufs Publikum. Jede:r weiß ja, dass die Fakten stimmen, die dort auf der Bühne diskutiert werden. Unzählige Statistiken unterstreichen das. Braucht es wirklich Gewalt, um die für Frauen so prekären Zustände endlich zu ändern? Lassen sich Care-Arbeitsteilung, gleiche Löhne und gleichberechtigte Partnerschaften nicht auch anders erreichen? Ein prima Diskussionsstoff – auch für Schulklassen.
05.02.2026
Theater / Spielstätte
Studio Theater Stuttgart
Das Studio Theater Stuttgart ist ein echter Geheimtipp
Das mittlerweile über 50 Jahre bestehende Studio Theater Stuttgart mit seinem Kindertheater KRUSCHTELTUNNEL ist ein professionelles Zimmertheater mit zwei kleinen Bühnen. Es liegt in einem lauschigen, grünen Hinterhof in Stuttgarts Mitte – heutzutage eine kleine Rarität!
Seit 2008, unter künstlerischer Leitung von Christof Küster, hat sich die künstlerische Arbeit im Studio Theater Stuttgart weiterentwickelt, ist neue Wege gegangen und möchte mit seiner Stückauswahl auch ein jüngeres Publikum ansprechen.
Küsters Idee, einmal im Jahr einen „großen Klassiker auf kleiner Bühne“ wie z.B. Wilhelm Tell/Schiller, Prinz Friedrich von Homburg / Kleist, Maria Magdalena / Hebbel zu inszenieren und sonst hauptsächlich Theaterstücke junger Autoren wie: Philipp Löhle, Nis-Momme Stockmann, Marius von Mayenburg, Jonas Hassen Khemiri zu zeigen – da diese der Generation unserer „neuen“ Zielgruppe entstammen – geht auf.
So haben wir uns in Stuttgart durch frische und zeitkritische Inszenierungen bei Wohnzimmeratmosphäre einen Namen gemacht und gelten in Stuttgart, als auch der bundesweiten OFF-Szene, als Geheimtipp. Mittlerweile bei Theaterkennern bekannt und berüchtigt sind Christof Küsters aktuelle, politische Stückentwicklungen. Nach „Verdienste? Unbestritten! – Die Helmut Kohl Revue“ und dem umwerfendem Erfolg über Stuttgart 21 „Die Schlichtung – Das Musical“, das bei jeder einzelnen Vorstellung ausverkauft war, und bundesweit Schlagzeilen in sämtlichen Medien machte, setzte er sich 2017 mit „The Trump Trial“auf seine unvergleichliche Art mit dem neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten auseinander.
Das Stadtmagazin LIFT nannte es „Das Berlin unter Stuttgarts Bühnen“.
Das Studio Theater wird von der Stadt Stuttgart und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (BW) institutionell gefördert.
Auszeichnungen
2002 Stuttgarter Theaterpreis – Zweiter Preis der Jury / „Pesthauch und Liebeslust“ nach „Dekameron“ von Giovanni Boccaccio / Regie: Hans Piesbergen Theater Wahlverwandte / Studio Theater Stuttgart
2003 Stuttgarter Theaterpreis – Publikumspreis und Preis für beste schauspielerische Leistung / „The killer in me is the killer in you my love“ von Andri Beyeler / Regie: Tanja Richter / Fliegen ab Stuttgart / Studio Theater Stuttgart
2009 Stuttgarter Theaterpreis „Erst schlafen, bevor ich geh“ von Christof Küster / Regie: Christof Küster / Projekt Stuttgart22
2010 wurden wir bei der Kritiker-Umfrage der Fachzeitschrift „Die Deutsche Bühne“ in der Rubrik „Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren“ ausgezeichnet. „Arm, aber sexy, klein, aber erfrischend aktuell“ schrieb Adrienne Braun über das Studio Theater Stuttgart. 2011 hatten wir im August eine zweifache Nennung als Deutschlands bestes OFF-Theater und auch 2012, 2013, 2014 und 2016 blieben wir von der Deutschen Bühne nicht ungenannt.
2013 nominiert für den Stuttgarter Theaterpreis mit „Buntschatten und Fledermäuse“ / Regie: Christof Küster / Projekt Stuttgart22
2014 gewann Christof Küster mit seiner Inszenierung „Homo faber“ von Max Frisch den Monica Bleibteu Preis der Hamburger Privattheatertage.
2015 gewann Christof Küster mit seiner Studio Theater Inszenierung „Maria Magdalena“ von Friedrich Hebbel den Monica Bleibtreu Preis der Hamburger Privattheatertage für den besten Klassiker.
2018 gewann Christof Küster mit seiner Inszenierung „Hungaricum“ von den Gebrüdern Presnjakow den Monica Bleibtreu Preis der Hamburger Privattheatertage für die beste Komödie.
Die „Theaterbar“ öffnet eine Stunde vor der Vorstellung – bei schönem Wetter kann man im grünen Hinterhof wunderbar draußen sitzen. Die Getränke dürfen mit in den Theatersaal genommen werden!
Studio Theater Stuttgart
Hohenheimer Straße 44
70184 Stuttgart
- Website: www.studiotheater.de




